Zugabe

Mache Sachen hält man besser unter Verschluss. Andere wiederum sollte man unbedingt der Öffentlichkeit mitteilen. Wie verhält man sich als Autor richtig, wenn es um Kapitel geht, die zwar geschrieben wurden, es aber letztendlich doch nicht ins Buch geschafft haben? Das habe ich, Tim, meinen Lebenserwecker gefragt. Und was hat er gesagt? Das hier:

 

"Eigentlich hast du schon goldrichtig auf den Punkt gebracht, Tim, was es diesbezüglich zu sagen gibt. Ursprünglich hatte ich tatsächlich vor, genau jene Akten in den Katakomben meiner Kreativwerkstatt verweilen zu lassen. Auf nimmer Wiedersehen! Parallel hierzu reifte der Gedanke, sie - zumindest teilweise - zu veröffentlichen, denn mich erreichten so einige Emails von Leser/innen, die danach fragten. Somit dachte ich mir, dass es vielleicht ja nur fair wäre, einen kleinen Einblick in das zu geben, was eigentlich nie veröffentlicht werden hätte sollen. Und, Tim, richte den Besuchern deiner Homepage bitte aus, dass sie beim Lesen stets im Hinterkopf behalten sollen, warum es diese Auszüge nicht ins Buch geschafft haben. Das hatte durchaus seinen Grund. Platz, zu wenig "Bämm" in Sachen Inhalt, zu ausführlich geschrieben und so weiter. Trotzdem: viel Spaß."

Das folgende Kapitel ist eigentlich gar kein Kapitel. Wenn, dann ist es ein Kapitel im Kapitel. Es flog aus "Du bist aber groß geworden" raus. Ursprünglich angesiedelt war der Auszug über dem letzten Absatz, nach den Worten "genannt Gustl".

 

Dann gibt es noch Namen, die nicht sonderlich weh tun, die aber auch irgendwie Klischees bestätigen: Herbert zum Beispiel. Ich kenne keinen Herbert, der Basejumping macht, einen tiefergelegten, knallgelben Audi A3 fährt, ein Totenkopf-Tattoo auf dem Nacken hat, fünfmal die Woche in der Muckibude pumpen geht und auf seinem Youtube-Kanal Fitnesstipps gibt. Wenn ich den Namen Herbert höre, verbinde ich damit den treusorgenden Ehemann im Flanellhemd. Herbert trägt eine hellbraune Stoffhose, weiße Tennissocken und halboffene Sandalen, hat einen Scheitel und eine Brille. Frisch rasiert? Och, muss nicht sein. Herbert fährt sich alle paar Tage mit seinem Braun-Trockenrasierer mal durchs Gesicht. So viel Wert legt er nicht auf sein Äußeres. Die silberne Armbanduhr, die schlackert, sobald Herbert seinen linken Arm bewegt, gehört ebenfalls zu ihm wie das Goldkettchen, das er von seiner Frau zu Weihnachten geschenkt bekam. Herbert bevorzugt Schießer Feinrippunterwäsche. Und beruflich? Herbert ist kein erfolgreicher Filmemacher oder Comedyautor. Auch lässt er beim Wacken Open Air nicht die E-Gitarre sprechen. Der Herbert in meinem Kopf arbeitet beim Finanzamt, schiebt Akten hin und her. Hier hat er seine Ausbildung gemacht und ist mittlerweile seit vielen Jahren verbeamtet. Herbert isst jeden Mittag in der Kantine und freut sich immer auf den ersten Mittwoch im Monat. Dann gibt es paniertes Schweineschnitzel mit Bratkartoffeln und Spiegelei. Fünf Minuten vor Feierabend fährt Herbert seinen Rechner runter, sortiert die Kugelschreiber und legt sie auf das Leder-Etui vor dem Bildschirm, zieht seine Strickjacke an und nimmt auf dem Weg zur Stempeluhr seine Kaffeetasse mit, um sie auf die Arbeitsplatte der Betriebsküche zu stellen. Herbert geht seit 24 Jahren jeden Donnerstagabend kegeln im Alle-Neune-Center und trinkt dort mit seinen Freunden Walter, Günni und Harald drei kleine Radler und zwei Kurze. Herbert wohnt mit seiner Frau Irmtraud in einem Reihenmittelhaus in einer Kleinstadt, hat ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn und grillt im Sommer gerne. Aber nicht zu laut! Im Winter verbringt er viel Zeit im Keller bei seiner Märklin-Eisenbahn. Um Punkt 18 Uhr begibt sich Herbert ins Esszimmer, denn Irmtraud hat wie gewohnt die abendliche Brotzeit aufgetischt. Dazu ein Gläschen Bier. Kurz vor acht Uhr abends gesellt sich das Ehepaar ins Wohnzimmer, wo tagein tagaus die Tagesschau geguckt wird. Dabei genehmigt sich Irmtraud einen Schoppen Wein. Nach dem Fernsehfilm oder der Unterhaltungsshow geht das Ehepaar ins Bett. Sex? Die Zeiten sind längst vorbei. Na dann: Gute Nacht!

 

Auch diese Vornamen würden für Kinder des neuen Millenniums den gesellschaftlichen Tod bedeuten: Traute, Viktor, Ursula (von guten Freunden natürlich Uschi genannt), Lutz oder Birte. Jeder würde den Kids verzeihen, wenn sie ihren Eltern Zyankali statt Zucker in den Kaffee kippen würden.

Schokominza? Gibt es. Und sie ist keine Protagonistin aus Pippi Langstrumpf und wohnt auch nicht im Dunstkreis der Villa Kunterbunt!

Ganz hübsch sind auch Windsbraut, Shakur oder Nox: Windsbraut Dampflmeier, Shakur Wimmbichler und Nox Faltermoser!

Jason-Ernst: Der wird spätestens in der Kita so vermöbelt, dass er seine Eltern bis ans Lebensende verteufelt. Kinder sagen halt immer, was sie denken. Und wenn sie ihre Fäuste sprechen lassen!

Die nächsten beiden Absätze habe ich aus dem Kapitel "Das Adventssingen, Teil 1: Die Gästeliste" geklaut. Der Text war als Ergänzung zu Petra und Erik Sagstetter gedacht. Es geht um Rechtsanwalt Erik:

 

Den spektakulärsten Fall, den ich aus Eriks Erzählungen noch auf die Reihe kriege, war der Fall, der damals als 'Der Häcksler von Grünwald' durch die Presse ging: Der bundesweit bekannte Multimillionär Hubert von Stresenhoff wurde holterdipolter von der Münchner Polizei in seiner pompösen Luxusvilla im elitären Vorort Grünwald verhaftet. Von Stresenhoff war ein Nachbar des bizarren Modeschöpfers Rudolph Moshammer - der damals noch unter den Lebenden verweilte. Ihm wurde zur Last gelegt, seine Frau mit 32 Messerstichen niedergemetzelt, sie im Kofferraum seines Jaguars verstaut, in ein abgelegenes Waldstück transportiert, dort ausgeweidet und ihre Überreste schließlich in einem Moor vergraben zu haben. Nach einer Nacht in Untersuchungshaft wurde von Stresenhoff dem Haftrichter vorgeführt. Dem einflussreichen Anwalt Erik Sagstetter war es jedoch zu verdanken, dass der Blaublüter vorerst auf freien Fuß kam. Er erhielt allerdings die Auflage, seine Villa nicht verlassen zu dürfen. Die rund um das Anwesen postierten Streifenpolizisten würden sofort melden, sollte von Stresenhoff versuchen, sich aus dem Staub zu machen. In einem Indizienprozess hieß es "Im Zweifel für den Angeklagten". Jedoch legte die Staatsanwalt Revision ein. Somit wurde der Prozess erneut aufgerollt. Dank des akribisch recherchierenden Anwalts Erik Sagstetter kam ans Tageslicht, dass die totgeglaubte Ehefrau quicklebendig war und mit dem Geld ihres millionenschweren Göttergatten sowie ihrem neuen Mann fürs Leben auf die Fidschi-Inseln auswandern und dort ein unbeschwertes Dasein beginnen wollten. Statt karibischem Flair gab es schwedische Gardinen.

 

Die folgende Passage bezieht sich auf das gleiche Kapitel, und zwar auf Mariele und Georg Mehlmann aus der Tennistruppe:

 

Es gab nur eine Situation, in der die heile Welt der Mehlmanns drohte, auseinanderzubrechen wie eine chinesische Ming-Vase, die aus dem vierten Stock auf den blanken Asphalt knallt:

 

Sohnemann Max und seine Freundin Annika hatten aus Jux und Dollerei eine Aktion gemacht, die sie anschließend bitter bereuten: Annika saß am Steuer ihres dunkelblauen Ford Fiesta, Max auf dem Beifahrersitz. Das Schiebedach war geöffnet. Vor Max stand im Fußraum ein Eimer mit Äpfeln, die die beiden gerade im Garten von Annikas Eltern gepflückt hatten. Die Technomucke bis zum Anschlag aufgedreht, steigerten sich Annika und Max immer mehr in eine Art Rausch hinein, ohne auch nur einen einzigen Tropfen Alkohol getrunken oder Drogen konsumiert zu haben. "Wir waren einfach gut drauf und wollten mal auf die Kacke hauen", würden sie später sagen. Als Annika mit mehr als 100 Sachen über einen asphaltierten Feldweg bretterte, begann Max, nach und nach einzelne Äpfel aus dem Schiebedach zu werfen. Just for fun. Plötzlich: Bämm! Der Apfel traf einen heranbrausenden Motorradfahrer mit voller Wucht. Max - panisch! - drehte seinen Kopf, um aus der Heckscheibe zu gucken. Annika sah in den Rückspiegel. Max: "Gib Gas, hau ab, schnell, los!" Annika drückte das Gaspedal ihrer 45-PS-Schleuder komplett durch. Sie sahen, wie das Motorrad wankte, hin und her wackelte, wie der Fahrer versuchte, nicht gänzlich die Kontrolle über seine Maschine zu verlieren. Da die Landschaft hügelig war, sahen Annika und Max aber nicht, ob der Motorradfahrer gegen einen Baum prallte und auf der Stelle tot war oder ob er die Begegnung mit dem unbekannten Flugobjekt unbeschadet überstand. Die zwei flohen, konnten entkommen, fuhren zu Max nach Hause. 20 Minuten der Ungewissheit verstrichen. Dann stand er plötzlich auf der Matte: der Motorradfahrer. Bis auf die Tatsache, dass das Visier seines Helms durch den Apfelaufprall deformiert war - und dem vielleicht psychisch davon getragenen Schaden -, fehlte ihm nichts. Auch Max hatte Glück im Unglück. Er kannte ihn. Es war Bernie, der Bruder einer Klassenkameradin. Das Ende vom Lied war: Bernie sah von einer Anzeige ab, Max kaufte ein neues Visier und die heile Welt der Mehlmanns war wieder hergestellt.

Und weiter geht´s, mit einer nur ganz kurzen Textpassage, die ich dem Kapitel "Pop Rocky, die Bravo und Doktor Sommer" entrissen habe. Einst stand sie über der Zeile mit den Worten "Aber: Natürlich gab es auch erst gemeinte Fragen":

 

Wird man vom Fahrradfahren impotent? - Impo..., was? - Ne, nicht, dass ich wüsste. Es sei denn, du fährst ohne Sattel.

 

Kann ich schwanger werden, wenn ich Sperma schlucke? - Hm, nö. - Es sei denn, deine Muschi redet gerade.

 

Meine Freundin hat eine Kondom-Allergie. Was soll ich tun? - Keinen Sex haben?! Zumindest nicht unter der Woche. Denn am nächsten Werktag sagen die Pickel in deinem Gesicht den Mitschülern alles!

 

Ich weiß nicht, wo die Klitoris liegt! - Zwischen Athen, Gyros und Grexit!

 

Ist Petting eine Gemeinde in Bayern? - Ja, in der Tat! Eine 2.000 Einwohner große im Landkreis Traunstein.

 

Wenn ich mir als Junge ein Tampon in den Hintern stecke - ist das Verhütung? - Darauf gibt es keine Antwort.

Das folgende Gespräch fand zwischen zwei Waschweibern am Bachinger Dorfbrunnen statt. Es fiel der Schriftsteller-Schere zum Opfer und war ursprünglich einmal Bestandteil des Kapitels "Die Geburtstagsfeier auf dem Kirchbichlerhof". Und zwar an genau jener Stelle, nach dem dritten Absatz, nach "das Stoßgebet wortwörtlich zelebrierte":

 

"Du, Gerda, hast es schon g´hört?"

"Was´n, Marianne?"

"Die Hallmaiers lassen sich scheiden."

"Geh!"

"Doch, wirklich."

"Hat er eine Jüngere?"

"Nein, ich glaub nicht. Angeblich habe man sich auseinandergelebt im Laufe der Zeit."

"Ich hab ja mal vor Monaten zufällig im Dorfkrug g´hört, wie sie sich gestritten haben."

"Ja, meinst du denn, der Hallmeier ist vielleicht durch fremde Betten g´hüpft?"

"Ich weiß net. Zutrauen würd ich es ihm schon. Bisserl wie ein Hallodri kommt mir er ja schon vor."

"Jetzt, wo´s du´s sagst... I hab den mal getroffen und der hat mich ganz lüstern ang´schaut. Wie einer, der schon seit Wochen nimmer über seine Alte drübergestiegen ist. Vielleicht wollt der mit mir anbandeln."

"Du, bestimmt! Sowas Ähnliches hat mir die Traudl vom Dorfkrug auch schon erzählt, dass der Hallmeier anderen Weibern schöne Augen macht. Der Gitte (die Arzthelferin vom Doktor Schlattner) hat er da sogar mal drei Stamperl Holunderschnaps spendiert. Ich glaub, des ist ein Filou! Ein ganz ein Wilder!"

"Saubub, elendiger! Jetzt, wo ich drüber nachdenke... War seine Frau net schwanger vor vielen Jahren und hat er sich, während sie den dicken Bauch hatte, eine andere für untenrum gesucht?"

"Ja, da legst dich nieder! Ist der net auch einmal in so einem - äh - Etablissimeng gesehen worden? Wo dürre, junge Madl mit Fesseln und Handschellen rumlaufen?"

"Ja, mi hast g´haut... Und jetzt wollen sie sich trennen? Oh mei... Was werden nur die Nachbarn sagen?"

"Die Meindls? Die feiern doch dieses Jahr ihre goldene Hochzeit. Na, geh weida! Da bleib ich doch lieber mit meinem Maxl zusammen, bevor ich das G´red im Dorf bin."

Oder so.

Der nächste Text ist tatsächlich ein ganzes Kapitel. Mein Autor hat es deshalb in die virtuelle Mülltonne geworfen, weil es - wie er fand und findet - etwas zu weit vom Thema weggeführt hätte und zu ausführlich geschrieben ist. Es war einmal zwischen "Das Adventssingen, Teil 2" und "Zeitsprung" verwurzelt:

 

Home is, where the Dom is

 

Ein loftartig geschnittenes, modernes Penthouse, das auf einen Altbau aus 1934 aufgesetzt wurde, ist heute mein Zuhause. 2017. Gleich nach dem ersten Schritt aus dem Lift zum Loft beschleicht mich ein wundersames Gefühl der Vertrautheit, der Geborgenheit.

Heller Dielenboden mit sichtbaren Holzmaserungen: Er sorgt für eine warme Atmosphäre. Eine darunter verbaute Fußbodenheizung sorgt für warme Räume. Und in der offenen Küche sorge ich mit meinem Freund und / oder mit Freunden für warmes Essen.

 

Der nahtlos ineinander übergehende Wohn-, Ess- und Kochbereich ist lichtdurchflutet - dank der sieben Meter breiten und bodentiefen Panoramafensterfront, die sich mittels Falttechnik komplett öffnen lässt und hinter der sich eine annähernd 50 Quadratmeter große Dachterrasse befindet, mit Blick auf den Rhein sowie den grünen, ruhigen, familiären und alteingesessenen Kölner Süden. Hochwertiges Teakholz, das ich selbst verlegt hatte, ziert den Freisitz. Die Terrasse ist meine friedliche Ruhe-Oase, mein fulminanter Fluchtpunkt, mein großes Stück kleiner Urlaub, mein intimer Rückzugsbereich, meine Chill-out-Area. Mit einem großen Holztisch, an dem sechs Personen Platz haben, ein anthrazitfarbener Sonnenschirm, der in der brütend heißen Sommerhitze ein lauschiges Schattenplätzchen spendet. Große, terracottafarbene Blumenkästen aus Keramik mit den unterschiedlichsten kleinen wie größeren Pflanzen verteilen sich lose über mein feudales Sonnendeck. Ein prachtvoll gewachsener Lorbeerbaum zeigt, dass ich durchaus einen grünen Daumen habe. In allen Blumenkübeln: Solarbetriebene LED-Lämpchen, die bei Einsetzen der Dunkelheit wie Glühwürmchen ein kleines Lichtlein in die Nacht streuen. Am hinteren Ende: Eine dunkelbraune Rattan-Lounge mit weißen Polstern und einem flachen Tisch mit Glasplatte. Darüber ein Pavillon, dessen cremefarbene Seiten man komplett öffnen beziehungsweise schließen kann. Ein großer Kugelgrill war schon unzählige Male im Einsatz und bescherte uns leckeres Fleisch - ehe man anschließend bis tief in die Nacht bei Kerzenschein, Fackeln und Petroleumlampen gemütlich zusammensaß.

 

Drinnen: Eine moderne Landhausküche in Cremefarben mit diversen Edelstahlgeräten wie Hochbackofen, Spülmaschine, freistehender Kühlschrank mit Ice-Crusher, ein Kaffeevollautomaten, ein Wasserkocher und ein Toaster im Retro-Design, ein modernes Induktionskochfeld auf der vorgelagerten und zum Ess- und Wohnbereich zeigenden Kochinsel.

Der sechs Meter lange Eichentisch ist der Eyecatcher. Nebst der halbrund angeordneten, dunkelbraunen Sofalandschaft, über die sich aus der Ecke heraus eine Bogenlampe neigt.

Ein Highboard mit DVDs, ein weiteres mit meinen rund 6.000 CDs, die ich zum Teil selbst gekauft habe, zum Teil als Promomaterial über einen DJ-Pool bekam (Natürlich waren sie allesamt alphabetisch sortiert - wie sonst sollte man die CD finden, die man gerade suchte?!), ein Sideboard mit meinem Harman Kardon-Hifi-System darauf, ein TV-Board mit Flatscreen an der Wand. Alles helle Massivholzmöbel.

Insgesamt sind im Wohnbereich sechs schwarze Lautsprecher auf sechs schwarzen Lautsprecherständern aus Glas verteilt, deren dicke Audio-Kabel man nur erahnen kann - so perfekt hat sie Lukas kurz nach meinem Einzug verlegt. Er und ich sorgten dafür, dass der Sound optimal ausgesteuert ist und man von so gut wie von jedem Platz aus in idealen Hörgenuss kommt. Die Boxen sind eine Eigenanfertigung von Lukas, die er mir zu meinem 35. Geburtstag schenkte.

Großformatige Bilder hängen dezent verteilt an den glattgeputzten Wänden meiner Dachgeschosswohnung mit Flachdach. Es waren Werke von maribast darunter - der Tennisfreundin meiner Eltern. Unter anderem brachte sie im Pop-Art-Stil mein Elternhaus zu Papier. Mit den Worten "Damit du immer a Stückerl Heimat hast", überreichte mir Marianne zum Einzug das große wie großartige Bild auf Leinwand. Ich ließ aber auch selbst Leinwandbilder anfertigen. Anhand von Fotos, die ich gemacht hatte: Spektakuläre Naturbilder von Schluchten aus Bayern, Bilder aus dem Strandurlaub mit meinem Freund auf Mallorca, unvergessliche Momentaufnahmen auf lichtgewaltigen Events und Eindrücke von unermüdlichen, anstrengenden Partys, die bis neun Uhr morgens gingen und bei einer illegalen Afterhour in einer abgeranzten Industriehalle fortgesetzt wurden.

 

In meinem Arbeitszimmer steht vor dem Fenster ein breiter Schreibtisch aus Holz. Wenn ich zuhause arbeite und organisiere, dann mit Blick aus dem Fenster. Auf dem Schreibtisch steht ein Lenovo-Laptop sowie ein Flachbildschirm als Zweitmonitor. An der Wand: ein fünf Meter breites, weißes Regalsystem. Mit Dutzenden Ordnern, Steuerunterlagen, Künstlerverträgen, GEMA-Abrechnungen, Flyern, Pressemappen, Kontaktadressen, Musik- und Medienmagazinen, Technik für Laptop und Beamer sowie Fachliteratur aus dem Eventmanagement-Bereich. Es finden sich Lexika wieder, Nachschlagewerke der Musikindustrie, rechtsberatende Werke, Bücher, die Freunde aus der Branche geschrieben und mir ein Probeexemplar postalisch geschickt oder persönlich übergeben haben. Da findet man Bücher über die Mutter aller Festivals, Woodstock, bei dem ich so gerne dabei gewesen wäre. Wie auch Werke über die Anfänge der Loveparade in Berlin, von Zeitzeugen dokumentiert. Sowie das legendäre Techno-Lexikon, das ein gewisser Sven Schäfer geschrieben hatte - damals Chef-Redakteur der Musikzeitschrift Raveline. Bücher über die Musikszene allgemein sind vertreten, wie auch über MTV, Viva und den Verfall des deutschen Musikfernsehens. Reportageartige Bildbände über die größten Festivals weltweit. Alles Bücher, Ordner und Unterlagen, die ich in meiner Event-Agentur in der Kölner City nicht griffbereit brauche.

Ein kleines, kuscheliges Zweier-Sofa steht neben der Bürotür. Für Gäste. Zudem hat natürlich auch Paulchen sein Plätzchen: Ein Hundekissen, nahe meines Schreibtisches.

In meinem Tageslichtbad liegen Fliesen in Holzoptik in hellem Farbton. Die Wandfliesen, die in der ebenerdigen Echtlgasdusche bis unter die Decke liegen, sind vanillefarben. Auch auf ein heißes Schaumbad im Winter muss ich nicht verzichten.

Ebenso wenig auf Schlafkomfort. Nachdem ich 14 Jahre lang im knarzenden Ikea-Bett namens Liegur genächtigt hatte und ihm die Schuld für meinen Bandscheibenvorfall mit Mitte 30 gab, gönnte ich mir ein ultrabequemes Boxspringbett als opulentes Nachtlager.

Als ich vor dem Einzug vor die Wahl gestellt wurde "Ankleidezimmer oder Gästezimmer?", entschied ich mich kurzerhand für beides. Papa zimmerte mir ein Schranksystem mit Schiebevorhängen, hinter denen ich Jeans & Co. lagere. Hier haben zudem allerhand Klamotten meines Freundes Platz. Damit er auch mal länger als nur eine Nacht bleiben kann.

 

Ich behaupte, mein Heim hat persönliches Flair. Eine Lampe auf dem Sideboard, die die Skyline von New York an die dahinterliegende Wand projiziert, ist ein Souvenier aus Big Apple. Die Maus, der Elefant und die Ente in Stoffform: Eine Erinnerung an die Tage beim WDR, der eine Reportage über nationale Musikveranstaltungen produzierte und mich als O-Ton-Geber engagierte. Eine schwarze Kaffeetasse des Szenemaganzins Raveline mit Logo-Aufdruck und dem damaligen Motto "Visions of electronic Music": Die hatte ich Ende der 90er geschenkt bekommen, als ich ein Zwölf-Monats-Abo der Zeitschrift abschloss. Eine Retro-Blechdose von Milka, in der ich meine Reißbrettstifte aufbewahre. Milka, weil ich schon immer gerne Schokolade aß. Ein Brunnen aus Kupfer, in dem ein Jazz-Musiker Saxophon spielt. Aus dem Instrument tröpfelt leise und sanft Wasser. Es war das Werk eines hauptberuflichen Bühnendesigners und nebenberuflichen Künstlers, den ich kurz nach Beginn meiner Selbständigkeit kennenlernte. Ein original erhaltener Mikrofonständer samt Mikro und Kopfhörer: Ein Relikt aus den 70er Jahren und aus dem Münchner Tonstudio von Produzentenlegende Leslie Mandoki, der unter anderem mit Phil Collins, den No Angels und Lionel Richie zusammenarbeitete. Ein Geschenk meines Freundes.

5.000 Platten stehen aneinandergereiht in den untersten Fächern des Regalsystems in meinem Büro. 5.000 Platten - darunter Bootlegs, Promos, Sonderpressungen, aber auch ganz legal und regulär im Plattenladen meines Vertrauens gekaufte, heiße Ware. Diese musikalische Sammelleidenschaft sowie meine - ja schon fast - fanatische Affinität zur Musik jeglicher Genres kann mein Freund nur bedingt nachvollziehen. Was aber halb so wild ist. Man muss ja nicht alle Interessen teilen. Während ich an einem verregneten Herbstsonntag bei mir zuhause meine CD- und Plattensammlung auf den Kopf stelle und bei alten Scheiben in Erinnerungen schwelge, gibt er just for Fun Sprachkurse in Spanisch an der 'Academia de idiomas' (einer Sprachschule in Köln-Nippes), geht mit seinem langjährigen, besten Heterofreund ins Kino und guckt sich bei Popcorn und Coke einen Horrorstreifen an oder schraubt vor seiner Wohnung im Belgischen Viertel leidenschaftlich an seiner original aus den 70er Jahren erhaltenen, hellblauen Vespa. Retro rules.